800 Jahre Riveris

Ein kleines Dorf feierte ein großes Fest: Am letzten Mai-Wochenende war ganz Riveris in Feierlaune - und das aus gutem Grund. In der kleinen Gemeinde am Wasser standen drei Jubiläen an. Seit 30 Jahren hat das Wasserwerk der Verbandsgemeinde Ruwer hier seine technische Heimat, seit 50 Jahren gibt es die Staumauer, die das Dorf weithin bekannt gemacht hat. Und natürlich das Dorf selbst: Das existiert mit Sicherheit seit 800 Jahren.

Dass Riveris Anfang des 13. Jahrhunderts als Dorf bestand, ist unbestreitbar. Das geht aus der Urkunde hervor, die Riveris als erste beim Namen nennt - zumindest ist es die älteste Urkunde, in der der Name Riveris vorkommt, die wir heute kennen. Mit der verpfändet Ritter Friedrich von der Brücke seine ihm in Osburg, Waldrach, Thomm  und Riveris zustehende Hunria-Gerichtsbarkeit an den Trierer Erzbischof Theoderich. Das heißt zwar, dass die Urkunde erst nach 1212 entstanden sein kann, weil erst dann Theoderich sein Amt angetreten hatte, belegt aber, dass Riveris älter sein muss - es gab nämlich einen Inhaber der Hunria-Gerichtsbarkeit. Hochgericht wurde also damals schon über Riveriser gehalten, was zweifelsohne belegt, dass dieses Dorf schon  um einiges länger bestanden haben muss. Mit Recht also haben die Riveriser ihren 800. Geburtstag feiern dürfen, obwohl es durchaus möglich ist, dass es die kleine Gemeinde schon wesentlich länger gibt. Dafür allerdings fehlen bisher schriftliche Belege.

Das gilt auch für den großen Teil der weiteren Jahrhunderte im Zeitfries des Ortes. Die historische Quellenlage von Riveris erlaubt es nicht, die Geschichte des Dorfs chronologisch darzustellen. Die „dunklen Flecken“ - Zeiten, über die es keine schriftlichen Zeugnisse für und über das Dorf gibt - sind zu groß. Im Gegenteil: Nur vereinzelt gibt es „helle Flecken“, die einzelne Punkte in der mit Sicherheit sehr langen Geschichte der Siedlung an dem kleinen Bach beleuchten. Eine davon ist die Pfandurkunde, die eingangs erwähnt wurde. Ein Fakt, der es den Autoren des zum Fest erschienen Heimatbuchs nicht leicht gemacht hat. Und dennoch: Es ist gelungen, Riveris’ mehr als 800-jährige Geschichte darzustellen. Mehr noch: Es ist ein spannender Streifzug durch die Geschichte geworden. Ein Buch für all die, die sich für das kleine Dorf jenseits der großen Straßen interessieren. Dabei legten die Autoren Wert darauf, in anschaulicher und gut lesbarer Art und Weise acht Jahrhunderte darzustellen und zu beschreiben. Dabei ist es für den Leser förderlich, dass nicht wissenschaftliche Arbeit, sondern Lesbarkeit im Mittelpunkt stand.

Da, wie schon geschrieben, die Quellenlage eine „echte“ Chronik nicht zuließ, legten die Autoren ihren Focus auf die einzelnen „hellen“ Punkte der Geschichte: Orte und Gebäude, deren Geschichte belegt ist. Dazu zeichnen Zeitzeugen einen detailreiches Bild der Verhältnisse, wie sie im vergangenen Jahrhundert in Riveris zu finden waren.

Zu den Orten gehört die kleine Cornelius-Kapelle, deren Geschichte und Geschichten bereits gut herausgearbeitet und wissenschaftlich belegt ist. Das Werk „Die Kapelle zu Riveris - ein würdiges Gotteshaus“ schildert nicht nur die eindrucksvolle Geschichte des Hauses, sondern belegt seinen Titel durch den Inhalt. Für den, der sich für die Geschichte Riveris’ interessiert, ist das Buch von Andrea Bauer, Dorothee Wenzel und Uwe Theis auch heute noch unverzichtbar.

Zu diesen Orten gehört aber auch das Pestkreuz, das in seiner ursprünglichen Fassung bereits gegen 1640 errichtet worden sein soll. Der Name des Kreuzes ist Programm: Der mündlichen Überlieferung nach sollen im 30-jährigen Krieg im Dorf 20 Menschen Opfer der „Geißel der Menschheit“ geworden sein. Die Überlieferung ist zwar mündlich, stammt aber aus dem Mund von Prof. Matthias Schuler. Deshalb darf sie auch als gesichert gelten – Schuler war nicht nur Theologe, sondern auch anerkannter Historiker, der sich vor allem um die kurtierische Geschichte verdient gemacht hat. Der Sage nach wurde das Dorf übrigens nicht mehr von der Pest heimgesucht, seit die Bewohner das Kreuz aufgestellt hatten – auch nicht, als das Trierer Land zum letzten Mal von der Seuche (gegen 1680) heimgesucht wurde.

Erstaunlich gut erhalten sind alte Protokolle des Gemeinderats aus den Jahren nach 1880. Allerdings erstaunt nicht nur der gute Zustand der Bücher, sondern auch deren Inhalt. Nur unwesentlich unterschieden sich die Beratungen der Kommunalpolitiker von damals von ihren heutigen Nachfolgern. In den Büchern geht es um den Ausbau der Infrastruktur, um soziales Engagement und um Auseinandersetzungen – meist wirtschaftlicher Art mit Nachbargemeinden, Unternehmern und Behörden. Straßen- und Brückenbau war genauso ein Thema im Riveriser „Gemeinderath“ wie der Bau der Eisenbahnstrecke von Trier nach Hermeskeil. 1883 stellte das Dorf 150 Mark bereit – weil der Rat weitsichtig die Vorteile des „Ruwerlieschens“ erkannt hatte. Es gab aber auch Geld für soziale Härtefälle. So gab es von der Gemeinde Unterstützung für eine Witwe, sie selbst konnte das Schulgeld für ihre Kinder nicht aufbringen. Später allerdings schreitet das Gremium ein, zahlt einem Riveriser die Stütze nicht mehr bar aus. Der Grund: Der Notleidende soll so lange dem Alkohol gefrönt haben, „bis er nur noch einen Groschen in der Tasche hat.“ Eine Wohnung mietet der Gemeinderat allerdings für sein Sorgenkind.

Steinreich und bettelarm zugleich – das war Riveris über lange Zeit. Bettelarm? Die Umstände, unter denen die Bevölkerung in ihrem Dorf lebte und arbeitete, waren hart. Die Arbeit und der Kampf ums Überleben stand stets im Mittelpunkt. Steinreich? Mit Steinen und durch Steine versuchten die Menschen, ihrem kärglichen täglichen Brot etwas hinzu zu verdienen. Durch Arbeit in den Schieferstollen etwa. 1815 fertigten französische Offiziere die topographische Karte der Rheinlande an. Unweit von Riveris („Reweris“) findet sich der Eintrag „Layen-Kaul“. Kein Zweifel also: Hier wurde Schiefer abgebaut. Später entwickelte sich der Karlsstollen in Riveris zu einer der bedeutendsten Gruben des Peter Süss und seiner Ruwerschiefer Aktiengesellschaft. Die Eingänge des Stollens sind noch heute zu sehen, obwohl dort längst kein Schiefer mehr abgebaut wird.

Doch das alles hat Riveris in der Neuzeit nicht bekannt gemacht: Heute verdankt das Dorf es dem Riveris-Stausee, landauf und landab bekannt zu sein. Die Talsperre, die heute Trinkwasser für Trier und sein Umland liefert, ging am 13. Juni 1958 in Betrieb. Zuvor galt es, in 18 Monaten viel Arbeit zu erledigen: Nicht nur die Staumauer musste „hochgezogen“ werden, auch Stollen und Tunnel mussten gegraben werden, um das Rohwasser zur Wasseraufbereitung nach Irsch zu transportieren. Und damals, in den 50-er Jahren, war die Idee, die Riveris zu stauen, nicht neu. Der erste Plan, hier Wasser für Trier zu gewinnen, stammt aus dem Ende des 19. Jahrhunderts: Schon 1879 war das gute Wasser der Riveris Baurat Hennoch aus Gotha bewusst. Er schlug zwar vor, Kyll-Wasser zur Versorgung der Stadt zu nehmen, sah aber die Riveris als Reserve, deren Wasser man bei Ehrang in die Kylltal-Leitung einspeisen könne.

Geschichte und Geschichten aus einem kleinen Dorf – das feierte Riveris stilecht am 31. Mai und am 1. Juni. Am Ende hatten fast alle 800 Hände der etwa 400 Riveriser angepackt, um das Fest auf die Beine zu stellen. Mit Erfolg: Tausende fanden den Weg in die Gemeinde. Und die hatte viel aufgeboten: Ein Mittelalter-Markt entführte die Gäste in längst vergangene Jahrhunderte, die Gastgeber selbst trugen mit ihren Kostümen die passende Kleidung. Das Wetter spielte mit und Riveris hatte Mühe, alle Gäste unterzubringen. Schier endlose Massen fanden – mit dem Shuttle-Service der Stadtwerke angereist – ihren Weg durch die „Party-Meile“. Unter den Gästen und mit von der Partie: Landrat und Schirmherr Günther Schartz, undBernhard Busch, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Ruwer . Dorf, Wasserwerk und die Trierer Stadtwerke präsentierten sich als Einheit. Dabei stand die Familie im Mittelpunkt: Spannend waren die Gänge unter der Staumauer zu erkunden, Erklärungen für das große Bauwerk gab es in Hülle und Fülle. Zurück im Dorf – mit Pendelbussen chauffiert – gab es Information und Unterhaltung rund ums Wasser und die Geschichte. Auf dem Weg lagerten „fast echte“ Wikinger, die Neugierige an ihrem Alltag teilhaben ließen. Kindgerecht dargestellt gab es im „Oberdorf“ Reiterspiele, während auf dem neu gestalteten Dorfplatz Trubel herrschte. Trubel, der auch lehrreich war: Spielerisch mit kniffligen Fragen und kleinen Preisen für die richtige Antwort wurde gerade den jungen Gästen das „kostbare Nasse“ nahe gebracht. Basteln, Malen, Hüpfburg und Spielmobil rundeten die Kinder- und Familien-Veranstaltung ab. Dazu gab es viel Musik für die „Großen“, deftiges Essen und auch Durst war bei der Hitze kein Thema. Das Dorf hatte sich herausgeputzt, die Besucher waren zufrieden und am Ende waren Stress und Hektik der vergangenen Monate bei den Organisatoren wie weggeblasen – die gelungene Veranstaltung entschädigte für alle Mühen.

 

Autor: Thomas Hoffmann